Neulich im Wartezimmer

Sie sagen wir wären alle gleich und doch wollen sie unter sich bleiben. Sie haben keine Vorbehalte und doch folgt dieses ABER. Sie verstehen es zwar, dass manche Menschen anders sind und doch denken sie, dass es sie niemals betreffen wird. Werder sie noch deren Familien und Freunde. Klar, mittlerweile wissen sie um mögliche Erkrankungen und doch fragen sie sich oft warum die Menschen sich nicht mehr zusammen reißen um so zu sein wie sie.

Kein Wunder, dass sie ausgeschlossen werden, so seltsam wie sie sich verhalten, in der Öffentlichkeit sich nicht zu benehmen wissen, komische abgewetzte Kleidung tragen und dann hört man ja auch immer so viel in der Zeitung von diesen Menschen. Klar, irgendwo müssen die ja auch wohnen, aber bitte nicht in unserer Nachbarschaft. Laut sollen die ja sein, kein Tag-und Nachtrhythmus und klauen tun sie auch. Erst neulich erzählte eine Bekannte, dass die Freundin ihre Schwester sogar von so Einem gestalked wurde. Ganz schlimm..  

Wie schlimm die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen im Alltag ist, erlebe ich immer wieder, wenn ich mit PatientInnen in der Öffentlichkeit bin. neulich begleitete ich einen Mann ins örtliche Krankenhaus zu Untersuchungen. Dabei fielen doch sehr abschätzige Blicke zu unserem Zweiergespann. Da ich es grundsätzlich vermeide, durch Namenschild oder Schlüsselbund offensichtlich die erforderliche Begleitungsperson darzustellen, ist es für Außenstehende ja auch schwer einzuordnen, wie ich zu meiner Begleitung verbunden bin. Doch im Kontakt mit medizinischem (man sollte denken Fachpersonal) Angestellten aber auch anderen KrankenhauspatientInnen ist deutlich zu spüren, wie die Menschen zu meinem Patienten und somit Stellvertretend für ganz viele Betroffene stehen. Angefangen dabei, dass nicht er sondern ich angesprochen werde, obwohl der Patient direkt davor steht und dann auch noch in dritter Person singular, über andere PatientInnen die einfach stehen bleiben und nicht bereit sind auch nur einen kleinen Schritt für einen offensichtlich motorisch unruhigen Menschen, der die neutrale Distanz nicht einhält, zur Seite zu gehen, bis zu WartezimmerbesucherInnen die die Augen verdrehen oder die Nase rümpfen, wenn mein Begleiter im fünf Minuten takt seine Zeitschrift gegen eine andere vom Stapel in der Mitte tauscht.

Fürchterlich wenn man bedenkt, dass es psychich kranke Menschen schon immer gegeben hat, dass diese früher in den Herkunftsdörfer besser integriert waren als zum Teil heute. Ich frage mich weshalb sich die Ammenmärchen von den komplett ungesteuerten Schizophrenieerkrankten, untalentierten Alkoholabhängigen, freizügig provokanten und klauenden Maniker halten können. Natürlich kann im Rahmen einer akuten Erkrankung die ein oder andere typische Verhaltens- oder Denkweise dominieren, doch wir alle sind und bleiben Menschen! Während meine Klient oftmals einzig und allein an ihrer Erkrankung ausgemacht werden, zeigen somatische Leiden dass Erkrankung und Ganzheitlichkeit kein Widerspruch darstellt. Ob die Diabetikerin, der Übergewichtige oder künstliche Hüftträger: Sie alle haben einen Charakter, Stärken, Schwächen, Ressourcen und Fähigkeiten das Leben zu bestreiten.

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen muss endlich auch die Gesellschaft offener werden, interessiert und akzeptierend. Nach vier Jahren Berufserfahrung in der Psychiatrie muss ich sagen, dass die PatientInnen für mich oftmals sehr viel “normaler”, ehrlicher und aufrechter durchs Leben gehen, als die Gesellschaftsteile die diese Menschen ausgrenzen.

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