Mehr Lebensqualität im Alter?

Wie gehen wir mit unseren alten Menschen um? Denkt man an die vielen Heime und Pflegeplätze, die erst am Sonntag im ARD Krimi Polizeiruf 110 “Nachtdienst” (Link zur Mediathek (abrufbar zwischen 20-6 Uhr, FSK 12) anschaulich dargestellt wurden, den Fachkräftemangel welcher Abfertigungspflege statt ressourcenorientierte altersgerechte und würdevolle Versorgung Praxis werden lässt und eine Gesellschaft die Anerkennung eng mit der Erwerbstätigkeit koppelt, freue ich mich nicht gerade auf das “Altsein”. Der demografische Wandel besagt eine schrumpfende und alternde Gesellschaft, sodass der Anteil der alten Menschen zunehmen wird. Wo in manchen Kulturen die Ältesten auch als Weisen und respektvoll als die Gründer der aktuellen Generationen Wertschätzung erfahren, sind in der BRD trotz (oder gerade durch den) finanziellen Wohlstand des Staates, immer mehr Senioren gezwungen Sozialleistungen aufstockend zu ihrer Rente zu beziehen. Sozialleistungen sind Steuermittel und damit knapp bemessen, in der Folge sind gesellschaftliche Teilhabe, soziale Integration durch eine hohe Aktivität im Sozialraum, aber auch die bestmöglichste Gesundheitsversorgung nicht zugänglich. Somit ist das Traumbild des Lebens in Rente bei bester Gesundheit bis auf ein paar Wehwehchen, bei finanzieller Sicherheit mit der Rente über die Runden zu kommen und mit der vielen Freizeit nun aktiv den Interessen nachzugehen für viele Menschen allein aus finanziellen Einschränkungen nicht die Realität. Doch ist mit finanziellem Wohlstand, das Leben im Alter zunehmend besser?

Man denke an die vielen reichen alten Menschen, welche durch Erbe, oder auch erfolgreiche Unternehmensgründung nach dem 2. Weltkrieg ihre Zukunft finanziell gesichert haben. Doch was hilft die finanzielle Absicherung bei Einsamkeit, da weder Kinder noch Enkel täglich die Großeltern besuchen, neue Medien noch nicht vertraut sind und selbst das Telefon bei Einschränkungen der Hörleistung, mehr zum persönlichen Feind, als zum Mittel der sozialen Interaktion dient. Wenn dann noch Jahr für Jahr mehr der alten Bekannten und Freunde versterben, die Todesanzeigen in der Zeitung, den eigenen Jahrgang immer häufiger beinhalten, oder sogar unterbieten bleibt mit viel Glück noch der Partner, welcher ein Leben lang da war. Mit dem Partnerverlust ist dann auch diese tägliche soziale Stütze passé und der eigene Lebenssinn ist trotz des ganzen Geldes nicht mehr offensichtlich zu erkennen. Die Welt dreht und dreht sich immer schneller, alles Bekannte wird nach und nach ausgetauscht und erneuert, die Vergangenheit wird abgerissen, neues entsteht und irgendwann kommt der Punkt an dem man sich selbst nicht mehr wertvoll fühlt. Nicht für die Familie, die selbstständig funktioniert und der man nicht aktiv helfen kann, sondern sich vielmehr als Last fühlt und nicht für die Gesellschaft, welche jammert und um ihren Vorteil fürchtet, bei der Unterstützung der Älteren.

Doch haben wir ein Recht unseren Vorfahren das Gefühl der Überflüssigkeit zu geben, sobald sie aus dem Erwerbsleben austreten und nicht mehr aktiv am steigenden BIP mitwirken? Wie viel sind uns die Menschen wert, die unserer Generation das Leben geschenkt und die Ebnen geweicht haben? Wer gibt uns das Recht, jetzt wo die alten Menschen nicht mehr “nützlich” für die Marktwirtschaft sind, sie zu bevormunden und ihnen das zu nehmen, wofür sie ein Leben lang gearbeitet haben?

Wie können wir trotz dem modernen Zeitgeist wieder mehr das Gefühl vermitteln, dass wir alten Menschen den Lebensabend wertschätzend und würdevoll ermöglichen? Was kann ich im Kleinen tun, um in meinem Umfeld Wertschätzung statt Überdruss an der ältesten Generation zu vermitteln?

Vom Aufstehen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Aufhalten der Türe oder Helfen beim Einpacken der Supermarkteinkäufe an der Kasse. Statt zu drängeln, die Uhr starr im Blick, innerlich wünschend, dass der alte Opi sich endlich beeilt, gilt es zu endschleunigen. Wenn man sich in Betroffene hineinversetzt, deren Zeitempfinden vielleicht ein ganz anderes ist, die langsamer sind und das Gefühl haben alles hetzt sie und wartet ungeduldig bis man endlich Platz macht für die agile Jugend– nicht nur an der Aldi Kasse.

Deshalb ist es wichtig und notwendig wie auch sonst, sich gegenüber dem/r Interaktionspartner/in einzustimmen und entsprechend langsamer, einfacher, verständlicher oder auch weniger mit modernen Jugendslangs zu sprechen. Damit schaffen wir helfende Situationen zwischen den Generationen und vermitteln weniger das Gefühl, der sich wandelnden nicht mehr für alte Menschen geeigneten Welt. Im Übrigen gilt selbiges wenn man mit besonders jungen Menschen spricht, oder vielleicht auch Menschen die einen anderen sprachlichen Hintergrund haben und dies zeigt die eigene Motivation der gemeinsamen Interaktion trotz den Unterschieden und damit eine Form der Wertschätzung. Noch viel einfacher ist es zuzuhören. Ob beim Einkauf, bei einem Spaziergang oder einem Besuch von alten Menschen, ihre immense Lebenserfahrung ist ein großer Schatz und wird oftmals sehr gerne (auch mit Fremden!) geteilt. Sobald eine offene interessierte Haltung und etwas Zeit investiert wird, kann eine Unterhaltung leicht angeregt werden und bedeutet ein Gewinn für beide Parteien. Auch wenn mit dem Altern Regression im körperlichen wie auch geistigen Bereich oftmals eintritt, dürfen Betroffenen nicht bevormundet werden, sondern nach wie vor soweit wie sie einwilligungsfähig sind an allen Entscheidungen zu beteiligen. Die vorhandenen Ressourcen müssen weiterhin erkannt und gefordert werden, damit die Selbstständigkeit und damit auch ein Teil des Selbstwertes erhalten werden. Deshalb ist es hilfreich, mit Geduld Betroffene beispielsweise ihre Medikation selbst holen zu lassen, sofern dies körperlich geht und sie dabei wenn nötig lieber zu begleitet, statt den alten Menschen daheim zu lassen und dies schnell für die Person zu erledigen. Gerade bei regelmäßigen Aufgaben wie Apothekengängen, können alte Menschen an der Gesellschaft teilhaben und mehr erleben als im gewohnten Umfeld.

Wünschenswert ist, dass der Wert alter Menschen gesellschaftlich wieder zunimmt und demnach auch sozialpolitisch eine andere Haltung gegenüber den Gründern unserer Generationen herrscht.

Denn auch wenn aktuell im Moment andere Dinge wichtiger scheinen, sind es doch die alten Menschen, die wir jeden Tag verlieren könnten und damit verpasste Chancen in punkto Dankbarkeit für alles erbrachte, Wertschätzung und Anerkennung für das was war und noch folgen wird, nie mehr nachholen können.

Advertisements

One thought on “Mehr Lebensqualität im Alter?

  1. Pingback: Nimmersatt | Freigeist

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s