Die Freundschaft und das Groß werden

Es gibt viele Dinge, die sich in den ersten beiden Jahrzehnten ganz gewaltig verändern. Ob Selbstständigkeit, Selbstverwirklichung, Freiheitsbestrebungen, Verantwortungsbewusstsein,  Besitzvermehrungen, Moralisieren, Rationalisieren, Expandieren. Wir werden stärker, forscher, blühen meist auf mit den neu gewonnen Freiheiten, sind flexibel wie eh und je, können tun und lassen was wir wollen. Ziehen daheim aus und sind nur Herr(in) über uns selbst, gehen ins Bett wann wir wollen, haben Spaß wann wir wollen, laden ein, wen wir wollen, kochen was wir wollen und die Welt gehört uns (zumindest lässt Großstadtgeflüster dies vermuten). Dieses Hochgefühl hält etwas an, beim einen mehr – beim anderen weniger aber im Großen und Ganzen reifen wir heran zu eigenständigen Persönlichkeiten. Die neu gewonnene Freiheit mag uns zu Beginn noch die Sicht auf die Dinge vernebeln, aber irgendwann werden auch die neu erhaltenen Pflichten erkannt und meist erfüllt. Okay, vielleicht nicht die sozialen ,,Pflichten” der alten Freunde und Familie aber zumindest wird der Müll geleert, das Klo geputzt und ab und an eingekauft. Desillusioniert, fühlt es sich dennoch besser an ausgezogen zu sein, erwachsen zu sein, frei zu sein. Das eigene Leben fortan nach eigenen Vorlieben zu gestaltet. Sich selbst kennen zu lernen, seinen wahren Bedürfnissen hingeben zu können,  ohne Rücksicht auf ungeschriebene Gesetze geben zu müssen. Das neue Ich übergestülpt, werde ich mutig, stell mich neuen Leuten mit dem Spitznamen vor, den ich immer haben wollte. Beginne  offen auch auf Menschen zu zugehen, die erfahrungsgemäß ganz ganz weit von meiner Lebenswelt entfernt sind. Kaufe mir, bestärkt durch meine sehr modische neue Begleitung das erste Paar Absatzstiefel. Ob ich sowas tragen kann? ,,Ja klar, trau dich das sieht super aus!” ich wische die Zweifel beiseite und freue mich nun auch an meinem Äußeren die neu gewonnene Freiheit zu transportieren. Das Studentenleben ist einfach und unkompliziert, neue Medien und Whatsapp-Gruppen lassen keine Freizeit ungewollt einsam enden. Überhaupt ist hier ständig jemand da, will Spaß haben, feiern gehen, Karten spielen oder gemeinsam Essen. Jeder freut sich über Kontakte in dieser fernen Stadt und mit dem neuen Ich ganz allein..

Man mag das alte Leben nicht mehr eintauschen. Spätestens beim Besuch im alten Umfeld werden einem die Unannehmlichkeiten und seltsamen Angewohnheiten der  alten Schulclique wieder bekannt. Die gemeinsame Zeit mit den anderen ist zwar schön, aber es ist auch seltsam zu sehen, dass obwohl man selbst in großen Schritten mittlerweile ein ganz anderes Leben führt, hier doch noch alles so ist wie eh und je. Die Streitpunkte sind die selben wie vor fünf Jahren, die Chaoten sind es immernoch- nur inzwischen mit Auto und eigener Wohnung-, der Humor ist seltsam und flach wie seit der Schulzeit und die Wortführer prahlen heute mit beruflichem Erfolg. Abends kommen mir die Zweifel. Wie konnte ich die letzten Jahrzehnte hier mit meinen Freunden durch alle Krisen der Pubertät, Elternstress und Liebeskummer gehen und nun soll nichts davon übrig geblieben sein?

Es müsste mich ja nicht traurig machen, schließlich hab ich jetzt mein neues Ich mit neuen Bekannten, die immer und überall abrufbar sind, genau wie ich jung und flexibel, mit ungewisser Zukunftsplanung und ganz viel Freiheit. Aber irgendwas in mir will diese Trennung nicht akzeptieren. Will weiter daran festhalten, dass uns mehr verbindet als der Zufall, dass wir uns damals als Clique gefunden haben.

Doch ich muss mir eingestehen, wir haben uns auseinander gelebt, waren vielleicht nie Freunde in dem Sinn wie ich heute eine solche definiert, sondern vielmehr ein Zusammenschluss von gegenseitig abhängigen Gleichaltrigen die zusammen mehr Spaß hatten als alleine. Vielleicht hätte ich damals schon, hätte ich die Freiheit besessen mir zum Teil andere Leute dazu ausgesucht, doch ich hatte diese Wahl nicht, genauso wenig wie die anderen. Andersherum gab diese nicht vorhandene Freiheit auch Stabilität, denn ich wusste egal wer mit wem Streit hatte (und das gab es viel unter Jungs und Mädels im Teenageralter)- es hat sich immer wieder eingerenkt. Wir brauchten uns ja gegenseitig.

Und heute? Wir sind frei- können uns selbst verwirklichen, in die Stadt ziehen und mit dem Auto mal eben unsere Onlinebekanntschaft in Köln treffen. Wir können in Cafés und Bars dieser Welt andere unabhängige junge Menschen treffen, die uns ansprechen mit ihrer individuellen Art. Uns von ihnen ermutigen lassen Absatzstiefel zu tragen, schon mittags ein kühles Radler zu trinken und einer fremden Person ein Kompliment machen, einfach so. Wir sind geschützt im Rahmen der Anonymität in der großen weiten Welt der interessanten Individualisten.

Die Flexibilität der modernen Welt ermöglicht jederzeit überall neue Bekannte kennen zulernen und eine tolle Zeit miteinander zu haben. Keine Klagen über Liebeskummer, Ängste oder Enttäuschungen stattdessen Spaß und Unverbindlichkeit. Unverbindlich und kurzlebig wie eine Seifenblase.

Was ist dann also der Grundstein, damit man dennoch gegen all die interessante Konkurrenz besteht? Nicht nur eine Eintagsfliege bleibt sondern auch bei Abwesenheit den anderen als fehlend auffällt?

Eminem bringt es irgendwie auf den Punkt:

“Mir ist egal ob du schwarz, weiß, hetero, bisexuell, schwul, lesbisch, klein, groß, fett, dünn, reich oder arm bist. Wenn du nett zu mir bist, werde ich auch nett zu dir sein. Ganz einfach.”

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