Mutige Menschen gibt es da, wo man sie am wenigsten erwartet

“Boah du bist aber mutig!” ruft meine kleine Cousine, als sie sieht wie hoch ihre große Schwester auf dem Baum hochklettert. “Angsthase, komm doch, wenn du dich traust”, die Antwort von weit oben. Ich bin stille Beobachterin und kann mich gut in den kleinen “Angsthasen” hineinversetzen. Wie lange hab ich in Familie und Freudeskreis zu den Kleinen gehört, die staunend zu den mutigen, meist körperlich starken Kindern aufgeschaut hat und ehrfürchtig dachte, dass ich mich das nie trauen werde. Dass ich nie im Tor stehen werde, weil es so arg weh tut abgeschossen zu werden, dass ich nie eine Spickzettel schreiben werde, weil es viel Ärger bedeuten würde, wenn der Lehrer ihn entdeckt oder dass ich auch nie so schlagfertig reagieren werde wenn mir ein anderes Kind vorwirft ich bin ein Streber. Ich war die,  die daneben stand, staunend über soviel Kraft und Einfallsreichtum in der richtigen Situation richtig zu handeln.

Mut ganz klar, das hat man oder nicht, so dachte ich schon früher. Nur hat sich die dahinter stehende Bedeutung doch verändert. Heute sehe ich es  nicht als mutig an, am Tag vor einer Abschlussprüfung noch ein paar Biere zu trinken, sondern als dumm. Heute sehe ich es nicht als mutig an, dem Chef auf der Weihnachtsfeier zu sagen, was er für ein Idiot ist, sondern als unangebracht. Heute sehe ich es nicht als mutig an, als Teenistar oben blank zu ziehen, sondern als PR geil.

Nachdem ich meine Einstellung dem Thema “Mut” gegenüber so geändert habe, wusste ich lange nicht wer oder was heutzutage noch mutig für mich ist. Nicht grenzüberschreitend im Rahmen der persönlichen Wohlfühlzone, nicht um andere zu beeindrucken oder einen anderen höchst egoistischen Grund dahinter zu haben. Je weniger ich nach dem idealisierten mutigen Mensch wie aus Märchen und Sagen suche, sondern aufmerksam durch das Leben gehe, entdecke ich Mut an jeder Ecke.

Ich stehe staunend neben der Frau, die aktuell ihren 43. Entzug hinter sich bringt, deren Schönheit gezeichnet vom Alkohol mehr und mehr schwindet, ihre blass gelbe Hautfarbe das baldige Ende vermuten lässt, die vom Aufwachen der Natur im Frühjahr schwärmt, die sich dafür begeistern kann dies miterleben zu dürfen und keine Worte des Jammerns  benutzt, die ihre Kraft dazu aufwendet die  anderen zum Lachen zu bringen, als selbst Raum einzunehmen.

Ich stehe staunend neben dem kleinen Jungen der mir über das ganze Gesicht strahlend erklärt wie die Welt funktioniert, was er mal haben wird wenn er groß ist und wie arg er sich freut wenn er eines Tages seine Eltern doch mal beim Umgangskontakt sehen wird, dass er ein besonderes Geschenk bekommen hat  und dass sind zweimal Eltern.

Ich stehe staunend  neben meiner Kommilitonin, die sich in der konservativen Kleinstadt vor alle hinstellt, aufgeregt ist, das Wort für sich erbittet und darum bittet ab sofort ein Sternchen (*) hinter ihren Namen zu schreiben, dass sie sich mit ihrem Geschlecht nicht identisch fühlt, die danach zwar erleichtert ist, aber dennoch aufgewühlt was noch für Reaktionen auf ihrem Weg kommen werden.

Ich wünsche mir noch mehr mutige Menschen die für sich und andere einstehen, wünsche mir selbst  den Mut auch in schweren Zeiten so zu handeln und mich trotz den gesellschaftlichen Grenzen nicht zu einem kleinen Angsthasen machen zu lassen.

 

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