Wie Mama und Papa uns die Welt erklären…

Neulich beobachtete ich in der Gemüseecke, im Supermarkt um die Ecke, wie ein kleiner Junge seine Mutter fragte, was denn das für grüne Kugeln seien. Die Mutter antwortete genervt, dass das Blumenkohl sei, aber das schmecke ganz fürchterlich. Der Junge fragte nicht weiter und die erhaltene Antwort schien ihn zufrieden zu stellen. Ernüchternd mahlte ich mir aus, wie viele Kinder und Erwachsene in der ach so fortschrittlichen Bundesrepublik, gewöhnliche Gemüsearten nicht korrekt benennen können. Vielleicht wird der kleine Junge am nächsten Tag in der Grundschule erneut auf die grünen mehrschichtigen Bällchen treffen und seinen Mitschülern stolz erklären, dass der “Blumenkohl ganz fürchterlich schmeckt”. Oder aber er wird darauf hingewiesen, dass das Kreuzblütengewächs nur irrtümlich für Blumenkohl gehalten wird und zur Krönung lachen die anderen Kinder ihn vielleicht auch noch aus. Diese Konfrontation könnte auch niemals stattfinden und der junge wächst zu einem jungen Mann heran, wird das Gemüse eines Tages probieren und es wird ihm schmecken. Er wird schmunzeln beim Gedanken daran, sein bisheriges Leben einen großen Bogen um den Blumenkohl- Brokkoli gemacht zu haben und durch die elterliche Anleitung eine Wissenslücke falsch besetzt bekommen zu haben. Vielleicht aber auch wird er niemals die Neugier und den Antrieb verspüren das “ganz fürchterlich schmeckende Gemüse” einmal selbst zu probieren. Der als Blumenkohl verkaufte Brokkoli mit dem “fürchterlichen Geschmack” wird an die eigenen Kinder weitergegeben, das heißt eine Generationsüberlieferung läuft so fort und jedes damit aufwachsende Kind nimmt die Information der Eltern kommentarlos an, nimmt sie auf und betrachtet sie als Wissen, unfähig dazu sie zu falsifizieren.

Ich gebe zu, dass die Folgenreichweite in Sachen Brokkoli weniger gravierend ist. Dennoch lässt sie mich hinterfragen, inwieweit ich von den meinen Eltern erhaltene Antworten, in der Rolle der Weltentdeckerin beeinflusst worden bin. Welche Neigungen und komischen Angewohnheiten ich antrainiert bekommen habe, dabei stets in der Auffassung, dass mache jede Person der Welt so. Als mein Aktionsradius sich in der Pubertät mehr und mehr ausweitete und ich vor allem durch Freunde und erste Beziehungen auch in die Familiensysteme anderer Gleichaltriger kam, fielen mir erstmalig die abweichenden Spielregeln meiner Systeme  auf. So lebte ich bislang in der Überzeugung, dass gemeinsame Mahlzeiten zelebriert wurden. Alle Mitglieder meiner Familie kamen zügig sobald das Essen fertig war, Wünsche des “Guten Appetit” wurden erwidert und nette Unterhaltungen à la “Wie war der Tag/ die Schule/….?”  geführt. Ein Abendessen konnte sich schon mal eine dreiviertel Stunde ziehen und auch wenn die Freunde sich schon auf dem Fußballplatz trafen, galten die Mahlzeiten als gemeinsame Familienzeit, an denen Anwesenheitspflicht bestand, bis alle fertig waren. Obwohl ich manchmal keine Lust hatte, solange zu warten oder von der langweiligen Schule zu erzählen, gewöhnte ich mich an die Gegebenheiten. Mittlerer Weile war ich schon oft bei anderen Familien zum Essen eingeladen und von Nicht-während-dem-Essen-sprechen, vor-dem-Essen-Beten bis zum Aufstehen-sobald-man-fertig-ist, erlebte ich sehr unterschiedliche Regeln. Doch warum erscheint mir die in meiner Familie erlebte Regel am wertvollsten? Habe ich ähnlich wie der Junge im Supermarkt einfach meine Frage nach dem Wie von meinen Eltern beantwortet bekommen und diese Antwort als die richtige manifestiert? Oder kann ich überhaupt die Entscheidung unabhängig meiner Zugehörigkeit zu einer der konkurrierenden Familientradition treffen, ohne dabei meiner Sozialisation zu widersprechen?

Wie auch immer zeigt mir allein dieses Beispiel wie immens der Einfluss der Eltern doch auf die Kinder ist. Sehr viel extremer ist es natürlich bei Grundsätzlichkeiten wie der Religionszugehörigkeit, Politische Ansichten oder auch Normen und Werte die vermittelt werden. Selbst wenn wir als Heranwachsende jenseits des Mikrosystems der eigenen vier Wände Erfahrungen machen, stellt sich doch die Frage wie viel wir tatsächlich der eigenen Erziehung zu verdanken haben, die Person zu sein, die wir letztlich sind. Ob wir Brokkoli mögen, kennen und erkennen ist das eine, aber wie stark wir unseren Eltern gleichen das andere. Doch was wäre wenn die Gesellschaft sich hier einmischt? Wenn ich dem Junge und seiner Mutter im Supermarkt erkläre, dass der Blumenkohl eigentlich Brokkoli heißt und lieber selbst probiert werden sollte, verliert der Junge dann das Grundvertrauen in seine Mama? Zweifelt die Mutter vielleicht an ihrer Erziehungsfähigkeit, da sie in der Öffentlichkeit auf ihre Fehlbarkeit von einer wildfremden Person sogar hingewiesen wird?

Das untrennbare Band zwischen Mutter und Sohn besteht unabhängig der Geeignetheit der Erziehenden. Zuletzt ist dies mir ganz extrem in meiner Hospitation im Jugendamt aufgefallen. Selbst  Kinder von psychisch kranken Eltern, schlagenden oder missbrauchenden Eltern, Eltern die vielleicht niemals Eltern werden wollten lieben ihre Eltern. Glauben ihren Eltern, wie sie ihnen die Welt erklären. Möchten ihren Eltern auch noch glauben, wenn sie selbst eigentlich wissen, dass die Eltern unrecht haben. Widersprechen ihren Eltern nicht, wenn sie den Brokkoli Blumenkohl nennen, sondern wünschen sich einfach, dass die Eltern da sind. Andersherum sind es aber auch die überforderten Eltern, die trotz ihren Schwierigkeiten mit dem Alltag, Erziehungsschwierigkeiten mit den Kindern und Jugendlichen, unterschiedlichsten Tipps und Ratschläge von den öffentlichen Institutionen, der Nachbarin oder den eigenen Eltern erhalten, die das Urvertrauen in sich als erziehende Person benötigen. Denn wenn jeder Mensch, der selbst in seinem Leben nicht vollkommen unfehlbar sein darf – wie viele dürften das wohl sein? – deswegen sich nicht dazu befähigt sieht, selbst Nachwuchs zu eigenständigen Persönlichkeiten heranreifen zu lassen, wäre die Menschheit schon lange ausgestorben.

In Anbetracht dessen, freue ich mich dass der Junge von seiner Mama überhaupt mit zum Einkaufen genommen wird, sie ihm die Welt zeigen möchte und sie sich die Zeit nimmt seine Fragen -nach bester Möglichkeit- zu beantworten.

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